Simon Rummel im Gespräch
Hallo Simon, wie fühlst Du dich, jetzt wo das Jahr als „Improviser in Residence“ vorbei ist? Ich finde es natürlich schade, dass es vorbei ist. Aber auch gut, da jetzt wieder neue Dinge auf mich zukommen werden. Aber ich freue mich über die Erfahrung, die ich gemacht habe.
Was wird sich bei Dir am stärksten verändern? Als „Improviser in Residence“ ist man in gut funktionierende Strukturen eingebunden. Dadurch kann man unglaublich schnell Dinge organisieren. Das Netzwerk ist vorhanden, die Infrastruktur und die Kooperationen bestehen zum großen Teil. Und das „Amt“ des „Improvisers in Residence“ bringt automatisch einen gewissen Bekanntheitsgrad mit sich und damit eine Wertigkeit. Die Presse ist sehr interessiert an dem was man veranstaltet. Hier in Köln passiert es viel seltener, dass mal ein Redakteur im Publikum sitzt.
Wie wirst Du weiterarbeiten, jetzt wo das erstmal wegfällt? Ich freue mich darauf, wieder Dinge im Verborgenen machen zu können, im Kleinen, Unentdeckten. Es bringt ja auch immer eine gewisse Erwartungshaltung mit sich, wenn die Leute dich kennen oder wissen, wer du bist. Jetzt erwarte wieder nur ich etwas von mir. Außerdem ist man während des Jahres an die Stadt Moers gebunden. Ich war viel allein, was manchmal toll war, aber ich bin froh, dass jetzt wieder eine andere Phase kommt. Das Jahr über habe ich viel gearbeitet und Vieles umgesetzt, jetzt kann ich in die Sachen auch mal reinschauen und die Dinge nachbearbeiten.
Was wirst Du vermissen? Die Geschwindigkeit, mit der ich Dinge realisieren konnte. Wenn Du ungewöhnliche Ideen hast, dann ist es ohne Netzwerk oft sehr schwer. Normalerweise hat ein Musiker ein Instrument, und seine festen Bands, mit denen er spielt. Ein einfaches Set-up. Aber sobald es aufwendiger wird, wird auch der Unterschied größer. Du brauchst anderes Material, willst an ungewöhnlichen Orten spielen. Solche Dinge sind immer schwierig durchzusetzen. An diesen Luxus, ungewöhnliche Ideen schnell und problemlos umzusetzen, habe ich mich wirklich gewöhnt. Ich habe in Moers eine Souveränität entwickelt, an Leute mit meinen Ideen heranzutreten, eben weil sie so gut aufgenommen wurden. Diese Souveränität will ich unbedingt beibehalten, da ich sonst manchmal schüchtern war, wenn es um meine Projekte ging, und nicht sofort auf Leute zugegangen bin.
Was waren die Highlights des Jahres? Sehr Vieles hat mir sehr gut gefallen. Besonders toll fand ich unter anderem das Glockenspiel für die Kindertafel, das Orgelkonzert mit den beiden Stadtkirchen und die Skulpturen im Museum. Diese Projekte waren sehr schnell hergestellte Arbeiten, von deren Güte ich überrascht war. Langfristig wichtig bleiben wahrscheinlich die Arbeiten, die mehr Zeit in Anspruch genommen haben, nämlich die Musik zur Eröffnung des moers festival 09 und das Orchesterstück für das Musikschulorchester. Sehr wichtig ist mir auch die Radiosendung "Radio Unerwartet", von der übers Jahr neun Folgen gesendet wurden.
Der Improviser in Residence hat ja auch den Auftrag, den Menschen Improvisierte Musik näherzubringen, findest Du diesen Anspruch überhöht? Nein, denn das ist genau der Grund, warum ich gerne länger geblieben wäre. Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, was genau damit gemeint ist. Klar muss man den Leuten ein Angebot machen und vielleicht nutzen sie es oder nicht. Aber darüber hinaus muss man in die Kontexte der Menschen eindringen und es ihnen dort präsentieren. Man muss sich etwas einfallen lassen, eine kleine Sensation generieren. Und das am besten an Orten, wo die Menschen sowieso hingehen. Das Orgelkonzert in der Kirche ist ein gutes Beispiel. Von den Kichenmitarbeitern hatte ich große Unterstützung. Also haben wir es geschafft, in der Kirche eine Situation zu schaffen, die den Menschen einerseits vertraut war, weil sie oft hingehen, aber auch völlig neu, weil sie die Musik so noch nie gehört haben. Man muss diese Fragen an die Menschen herantragen. Was für Musik gibt es? Wer spielt diese Musik? Warum? Für viele Menschen ist Musik ein Service. Sie soll sie in eine bestimmte Stimmung versetzen und sie wollen genau wissen, was sie bekommen. Diese Erwartung an Musik lässt wenig Raum für neue Erfahrungen. Also habe ich versucht, irgendwie an das Bestehende anzuknüpfen. Egal ob mit komponierter oder Improvisierter Musik. Wenn man es dann schafft, es für die Leute interessant zu machen, so dass sie hinhören und man selber Spaß dabei hat, das ist toll. Für solche Kontakte und Kooperationen hätte ich gerne mehr Zeit gehabt.
Was gibst du der neuen „Improviserin in Residence“ Sanne van Hek mit auf den Weg? Sanne ist künstlerisch ja schon ganz anders als ich. Aber was ich sagen kann ist: Mach was draus! Man kann dort mit Menschen, die man kaum kennt Dinge realisieren, die man sich kaum erträumt hätte. Diese Chance zu nutzen, das ist wichtig. Aber sie wird es schon gut machen, da bin ich mir sicher.
Das Interview führte Tinka Koch (Januar 2010)
wird gefördert durch das Netzwerk Neue Musik,
ein Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes,
durch die Kunststiftung NRW und durch
den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen.
Die Residenz der niederländischen Künstlerin
Sanne van Hek wird zusätzlich unterstützt
vom Muziek Centrum Nederland, Amsterdam.